Ein Spaziergang durch Rheinsberg: Tomasz Niedziółka im Schlossgarten, Scharfe im Keramikmuseum
Bis Anfang September zeigt Rheinsberg zeitgenössische Keramik an zwei Orten: Tomasz Niedziółka steht mit einer Stele in der Freiluftschau „Henri en passant" im Schlossgarten, Antje Scharfe mit ihren Kultvasen in der Jubiläumsschau des Keramikmuseums.
Wer in diesem Sommer durch den Schlossgarten von Rheinsberg geht, begegnet Keramik an Stellen, an denen sonst Hecken und Sichtachsen die Ordnung vorgeben. Neun Keramiker*innen haben für die Freiluftschau „Henri en passant" Arbeiten an besondere Plätze des Parks gestellt; eine davon ist eine Stele von Tomasz Niedziółka, eine ältere Arbeit, die hier noch einmal neu steht. Vom Garten sind es nur ein paar Schritte bis zum Kirchplatz, wo das Keramikmuseum im alten Spritzenhaus sein Jubiläum feiert — unter den 15 Eingeladenen der Sonderschau: Antje Scharfe. Ein Nachmittag reicht für beide Orte. Und beide Namen kennt man aus der Galerie Hyner.
Keramik-Skulptur von Tomasz Niedziółka
Eine Stadt antwortet ihrem Prinzen
Dass ausgerechnet Rheinsberg so feiert, hat einen Grund, der gut 260 Jahre zurückliegt: 1762 gestattete Prinz Heinrich von Preußen auf seinem Grund den Aufbau einer Fayencefabrik — der Anfang der Keramikstadt Rheinsberg. Zum 300. Geburtstag des Prinzen antwortet die Stadt nun mit zeitgenössischer Keramik, unter dem Dach des Jubiläumsprogramms „h300" laufen zwei Schwester-Schauen: die Freiluftschau der Keramikinitiative Rheinsberg e.V. im Schlossgarten, zu Gast bei der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten und bei freiem Eintritt, und die Sonderschau „25 Jahre Keramikmuseum" am Kirchplatz. „Henri en passant" heißt der Park-Teil — Heinrich im Vorbeigehen. Zu den Keramiker*innen gehören neben Tomasz Niedziolka und Antje Scharfe Anna Arnskötter, Aino Nebel, Evelyn Klam, Hendrik Schink, Heinke Binder, Karl Fulle, Maria Ortiz Gil und Sabine Heller.
Tomasz Niedziółka: hundert Stunden Feuer
Tomasz Niedziółka ist in Rheinsberg ansässig: Der 1977 in Polen geborene Keramiker lebt und arbeitet in Rheinsberg. Seit rund 20 Jahren brennt er im Holzofen, gelernt hat er die Technik unter anderem in Korea, 2021 baute er sich einen eigenen Anagama-Ofen. Was das bedeutet, zeigt ein dokumentierter Brand vom September 2024: hundert Stunden Feuer über vier Tage, Tag und Nacht nachgelegt, bis Asche und Flamme die Oberflächen gezeichnet hatten. Im Mai zeichnete ihn die Jury des Dießener Keramikpreises 2026 aus, „radikal, einfühlsam und reduziert" nannte sie seine Arbeiten — wie es dazu kam, erzählt das Magazin in einem eigenen Beitrag.
Antje Scharfe: Material zwischen Beton und Glas
Antje Scharfe ist dem Haus am Kirchplatz seit Langem verbunden; schon 2022 war sie dort in der Ausstellung zum Bollhagen-Jubiläum vertreten. Die 1953 in Berlin geborene Keramikerin studierte an der Burg Giebichenstein bei Gertraud Möhwald und lehrte dort später selbst, von 1994 bis 2007, als Professorin für Plastik und Keramik; ihr Atelier steht in Zepernick bei Berlin. „Für mich war Keramik immer eine stufenlos mischbare Materialwelt zwischen Beton und Glas", sagt sie — und genau diese Spannweite ist in Rheinsberg zu sehen, unter anderem in ihren Kultvasen. Der Begriff stammt von ihr selbst: Gefäße zwischen nützlich und kultisch. Im Frühjahr war ihre Ausstellung „Dialog" in der Galerie in Berlin zu sehen.
Keramiken von Antje Scharfe
Den Spaziergang planen
Der Schlossgarten ist tagsüber frei zugänglich, die Freiluftschau läuft noch bis zum 6. September. Das Keramikmuseum am Kirchplatz 1 öffnet im August Montag bis Samstag von 10 bis 18 Uhr und Sonntag von 12 bis 16 Uhr, donnerstags bleibt es geschlossen; der Eintritt kostet 5 Euro, für Kinder 2 Euro. Für den 30. August ist eine Künstlerführung durch die Schau angesetzt. Und wer den Sommertermin verpasst: Am 10. und 11. Oktober kommt der 31. Rheinsberger Töpfermarkt.
Wer es nicht nach Rheinsberg schafft: Arbeiten von Tomasz Niedziółka und Antje Scharfe sind in der Galerie in Berlin-Mitte zu sehen — Kunst für den täglichen Gebrauch.
Jana Hyner