Gestrickt, nicht gewebt: die Handtücher von towel studio
In einer Werkstatt in Berlin-Marzahn strickt towel studio Handtücher aus Bio-Baumwolle, ein festes Repertoire und daneben eigene Muster auf Bestellung — darunter ein Taschen-Handtuch, wie es in Japan zum Alltag gehört.
Wer in Japan morgens das Haus verlässt, hat ein kleines Handtuch dabei. Es liegt gefaltet in der Hosentasche oder in der Handtasche, und es hat dort einen festen Platz, seit Kindergarten und Grundschule es auf die Liste der mitzubringenden Dinge gesetzt haben: Taschentuch und Handtuch, jeden Tag. Gebraucht wird es ständig. Öffentliche Waschräume stellen oft weder Papierhandtücher noch Trockner bereit, die Hände trocknet man mit dem eigenen Tuch. Und im Sommer, wenn die Städte heiß werden, tupft man sich damit den Schweiß von der Stirn — das gilt nicht als Verlegenheit, sondern als Rücksicht.
Vom Tenugui zum Taschen-Handtuch
Hinter dieser Gewohnheit steht eine lange Tradition. Ihr Vorläufer ist das Tenugui, ein dünnes, glatt gewebtes Baumwolltuch von etwa 35 mal 90 Zentimetern, das seit der Heian-Zeit belegt ist und in der Edo-Zeit zum Alltagsgegenstand wurde: Man trocknete sich damit im Badehaus, band es gegen die Sonne um den Kopf, wickelte Bento-Boxen darin ein. Als im späten 19. Jahrhundert Frottee nach Japan kam, übernahm der saugfähigere Stoff die praktischen Aufgaben — das Tenugui wurde zum dekorativen Objekt, und an seine Stelle im Alltag trat das kleine Frotteetuch, das heute fast jede*r bei sich trägt. Dass man das eigene Tuch benutzt statt Wegwerfpapier, folgt dabei einer älteren Logik des Wiederverwendens, die sich Japan aus Zeiten knapper Stoffe bewahrt hat.
Taschen-Handtuch von towel studio
Ein Handtuch für die Hosentasche
Genau dieses Objekt gibt es auch aus Berlin-Marzahn. towel studio strickt dort ein Taschen-Handtuch von elf mal 28 Zentimetern, entworfen gemeinsam mit dem Tokioter Studio aova — klein genug für die Hosentasche, gedacht als wiederverwendbare Alternative zu Papier. An heißen Tagen tut es das, was es in Japan seit jeher tut: unterwegs den Schweiß von der Stirn wischen.
Was das Handtuch vom Pullover lernt
Gestrickt wird bei towel studio auf einer industriellen Flachstrickmaschine — nicht nur das Taschen-Handtuch, sondern das ganze Sortiment. Der Unterschied zum gewebten Frottee liegt im Verhalten des Stoffs: Wie andere Strickwaren, Pullover etwa oder Socken, schmiegt sich das gestrickte Handtuch an Körper und Haare an, statt steif zu fallen. Der Stoff hat zwei Seiten, eine weiche, saugfähige Frotteeseite und eine gröbere, die sich zum Rubbeln eignet oder als Unterlage im Sand. Anders als die meisten Handtücher, die in großen Mengen gewebt werden, entsteht hier jedes Stück einzeln in der Werkstatt.
Eine Werkstatt in Marzahn
Hinter towel studio stehen zwei Gründer*innen: die Strickwarenentwicklerin Mariko Takahashi, die an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Mode- und Textildesign studierte und zuvor das Berliner Modelabel Schmidttakahashi mitgründete, und der Softwaredesigner Roman Bejnar. Ihre Zusammenarbeit begann 2020, im ersten Lockdown. Entwurf, Strickmaschine und Handarbeit teilen sich seither einen einzigen Raum in Marzahn. Schon 2022 stellte die Deutsche Manufakturenstraße, ein Projekt des Berliner Direktorenhauses, das Studio vor.
Repertoire und Bestellung
Das Sortiment ist ein festes Repertoire: Handtücher in wiederkehrenden Mustern und Farben, gestrickt in der eigenen Werkstatt. Wer ein Muster möchte, das nicht im Programm ist, kann es sich auf Bestellung stricken lassen. Das Garn — nach eigener Angabe hundertprozentige Bio-Baumwolle — liegt gefärbt im Regal, produziert wird in kleinen Stückzahlen statt auf Halde: kein Überschuss, kurze Wege. Es ist, aus anderer Richtung kommend, derselbe Gedanke, der in Japan das eigene Tuch dem Wegwerfpapier vorzieht. Und das Repertoire ist über das Handtuch hinausgewachsen — Bademäntel, Decken und Kissen gehören inzwischen dazu.
Gästehandtücher von towel studio
Von Potsdam bis Tokio
Klein bedeutet nicht unbemerkt. 2024 entwarf towel studio gemeinsam mit der Künstlerin Wilder Alison eine Handtuch-Edition für DAS MINSK Kunsthaus in Potsdam, im Sommer 2025 folgte ein Pop-up im NEWoMan-Kaufhaus in Tokio-Shinjuku, und Ende Juli 2026 empfahl das ZEITmagazin die Handtücher in einer Randnotiz: „gestrickt – nicht gewebt!" Verkauft wird dort, wo es zur Größenordnung passt: im eigenen Online-Shop und über rund 20 kleine, ausgewählte Läden in Europa, den USA und Japan — in Berlin unter anderem bei Hyner in Mitte.
Das kleine Tuch aus Marzahn passt in jede Hosentasche. Und in eine Gewohnheit, die in Japan seit Generationen selbstverständlich ist.
Jana Hyner