Vom Wollfaden zum Verschnitt: Meyers & Fügmann in den Wilhelm Hallen

Nach den pflanzengefärbten Decken aus luxemburgischer Schafwolle weben Sarah Meyers und Laura Fügmann jetzt mit Resten aus einer schwedischen Vinylgarn-Produktion: „The Global Melánge Interwoven Latitudes", bis 13. September in den Wilhelm Hallen.

Den Decken der Kollektion Couleurs-sur-Sûre sieht man ihre Herkunft an. Die Wolle stammt von Schafen aus dem luxemburgischen Naturpark Öewersauer, gefärbt wurde überwiegend mit Pflanzen, mit Färberginster, Kamille und Krapp, gewebt in kleiner Auflage in der Duchfabrik in Esch-sur-Sûre. 2017 bekamen Sarah Meyers und Laura Fügmann dafür den Luxembourg Design Award. In diesen Tagen hängt eine Arbeit der beiden in einer alten Werkshalle in Reinickendorf, und das Material könnte von einer Schafherde kaum weiter entfernt sein: Rohmaterial und Verschnitt aus der Produktion eines schwedischen Bodenbelag-Herstellers.

Webinstallation „The Global Melánge: Interwoven Latitudes“ von Meyers & Fügmann für Bolon im Gathering Space der Ausstellung The Overview Effect

„The Global Melánge: Interwoven Latitudes“ — Webinstallation von Meyers & Fügmann für Bolon im Gathering Space der Ausstellung „The Overview Effect“

Clemens Poloczek courtesy The Foundry by Bocci 

Eine Webinstallation für den Gathering Space

„The Global Melánge: Interwoven Latitudes" heißt die Arbeit, eine Auftragsarbeit des Herstellers Bolon für die Gruppenschau „The Overview Effect", die THE FOUNDRY by Bocci vom 5. bis 13. September in den Wilhelm Hallen in der Kopenhagener Straße zeigt. Kuratiert hat sie Anna Carnick, den Anstoß gab ihr ein Roman: „Vor ein paar Jahren habe ich Samantha Harveys poetischen Roman ‚Orbital' gelesen, der mich an den sogenannten Overview-Effekt herangeführt hat", sagt sie. Gemeint ist jener Bewusstseinswandel, den Astronaut*innen beim Blick auf die Erde beschreiben, wenn gezogene Grenzen verschwinden und stattdessen sichtbar wird, wie eng alles zusammenhängt.

Meyers & Fügmann haben dafür den Gathering Space bespielt, den Ruhe- und Gesprächsraum der Ausstellung, in dem am Wochenende auch das von Carnick zusammengestellte Gesprächsprogramm stattfindet. In der Ausstellungsbeschreibung heißt die Arbeit eine gewebte, abstrahierte Landschaft, die mit Farbe, Reflexion und Bewegung arbeitet: Die Wahrnehmung soll sich verschieben, so wie sie sich beim Blick von oben verschiebt. Und das Weben selbst trägt das Thema der Schau in sich, denn jeder einzelne Faden bekommt seine Bedeutung erst durch sein Verhältnis zum Ganzen.

Webinstallation „The Global Melánge: Interwoven Latitudes“ von Meyers & Fügmann, Detail der gewebten Vinylgarn-Stränge

„The Global Melánge: Interwoven Latitudes“, Detail

Clemens Poloczek courtesy The Foundry by Bocci 

Weben als Untersuchung eines Materials

Was hier verarbeitet wird, ist kein Garn im herkömmlichen Sinn. Bolon extrudiert in Ulricehamn ein eigenes Vinylgarn mit Polyester-Kern und verwebt es in Kette und Schuss zu Bodenbelägen, die anschließend mehrschichtig aufgebaut und mit Glasfaser stabilisiert werden. Für die Installation haben Meyers und Fügmann nicht den fertigen Belag genommen, sondern das Rohmaterial und die Reste, die in der Produktion anfallen. Die Designerinnen näherten sich dem Weben in einem anderen Maßstab, schreibt der Hersteller dazu; Material, das man sonst mit Fußböden verbindet, werde aus seinem gewohnten Zusammenhang genommen. Im Gathering Space liegt zugleich regulärer Bolon-Boden, nach Angaben des Herstellers aus einer Kollektion mit 68 Prozent Recycling-Anteil, die nach der Ausstellung eingesammelt und wiederverwendet wird. Fabrikware und Handarbeit liegen also im selben Raum, ohne dass die eine sich als die andere ausgibt.

Für Meyers & Fügmann ist dieser Wechsel des Materials kein Bruch. Ob luxemburgische Schafwolle mit Färberginster oder Vinylgarn aus einer schwedischen Fabrik: Die Frage bleibt dieselbe, was ein Material am Webstuhl über sich preisgibt und was Farbe dabei ist, Substanz nämlich und nicht Oberfläche.

Der Webstuhl in der Zehdenicker Straße

Kennengelernt haben sich die beiden an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, im Studiengang Textil- und Flächendesign; ihren Master machten sie am Sandberg Instituut in Amsterdam. Hella Jongerius, damals Lehrbeauftragte in Weißensee, holte sie in ihr Labor, für das sie bis heute arbeiten. 2015 gründeten sie ihr eigenes Studio, das inzwischen in der Zehdenicker Straße in Berlin-Mitte sitzt, geteilt mit dem Produktdesign-Studio Jüngerkühn.

Wie dort gearbeitet wird, hat Laura Fügmann in einem Interview beschrieben: „Wenn ich mich an den Musterwebstuhl setzte, weiß ich vorher gar nicht genau, welche Tasten ich drücken werde. Das passiert einfach mit dem Faden beim Machen und Gucken." Sarah Meyers sagt es von der anderen Seite her: „Die Hände haben eine eigene Intelligenz und um die freizusetzen, hilft beispielsweise der Webstuhl."

Zusehen kann man dabei am Freitag, dem 11. September, von 15 bis 20 Uhr: Meyers & Fügmann und Jüngerkühn öffnen ihr gemeinsames Studio in der Zehdenicker Straße 3. Der Termin gehört zu Currents, einem Festival für Design in Berlin, das in diesem Jahr zum ersten Mal stattfindet, initiiert von den Journalistinnen Jasmin Jouhar und Laura Ewert, mit rund 80 Teilnehmer*innen an etwa 60 Orten.

Meyers & Fügmann with their work The Global Melánge  Clemens Poloczek courtesy The Foundry by Bocci 

Meyers & Fügmann with their work The Global Melánge

Clemens Poloczek courtesy The Foundry by Bocci 

Hingehen

„The Overview Effect" läuft noch bis zum 13. September in den Wilhelm Hallen in der Kopenhagener Straße, parallel zur dortigen Gruppenschau „Hallen 07" und zur Berlin Art Week, die vom 9. bis 13. September stattfindet. Die aktuellen Öffnungszeiten stehen auf thefoundryberlin.com. Das Open Studio in der Zehdenicker Straße 3 ist am 11. September, 15 bis 20 Uhr.

In der Galerie in Berlin-Mitte liegen die Decken aus luxemburgischer Wolle, im Shop stehen außerdem ihre Porzellanvasen und Keramikteller. Es lohnt, beides nach diesem September noch einmal anders anzusehen.

Jana Hyner

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