Silke Wellmeiers Porzellan im Keramikmuseum Staufen

Was Gras über die Farbe erzählt

Auf einer Wiese trocknen Gräser. Über Tage hinweg verlieren sie ihr Grün und durchlaufen dabei eine ganze Tonleiter von Farben, von gelbweiß über lachsfarben und grün bis ins Blaue, ehe sie endgültig vergehen. Es ist eine Palette, die nur für eine begrenzte Zeit existiert. Silke Wellmeier hält sie zuerst mit der Kamera fest und übersetzt sie dann in ein Material, das sie für immer bewahrt: in durchgefärbtes Porzellan, von Hand papierdünn aufgebaut. Ihre Serie Grascolors ist daraus entstanden, und sie ist gerade in der Einzelausstellung „Lebensräume" im Keramikmuseum Staufen noch bis zum 28. Juni 2026 zu sehen.



Silke Wellmeier - ein internationale Karriere

Silke Wellmeier, geboren 1977 in Ibbenbüren, arbeitet in Tecklenburg-Brochterbeck im Münsterland, wo sie seit 2016 ein eigenes Atelier betreibt, auf dem Gelände einer Tischlerei zwischen Höfen und Feldern. Der Weg dahin führte über Umwege, die im Werk noch nachklingen: zunächst eine Ausbildung zur Floristin, dann zur Scheibentöpferin in einer Tecklenburger Töpferei, schließlich das Studium am Institut für künstlerische Keramik und Glas in Höhr-Grenzhausen, das sie 2005 mit dem Diplom in Freier Kunst abschloss. Seit 2006 ist sie als freischaffende Künstlerin tätig. Die Genauigkeit, mit der sie Pflanzen betrachtet, hat in der Floristik ihren ersten Ort gehabt; geblieben ist der Blick für das, was an einer Wiese gerade vergeht.

Dass dieser Blick auch außerhalb des Münsterlands wahrgenommen wird, zeigen die vergangenen Jahre. 2022 gewann Wellmeier die erste Ausgabe des Ceramics Market Delft in den Niederlanden, verbunden mit einer Einzelausstellung in der Terra Delft Gallery; im selben Jahr erhielt sie den Publikumspreis beim Euregio-Keramikmarkt im belgischen Raeren. Ihre Arbeiten waren auf der Ceramic Art London zu sehen, in Paris und bei den Gmunden Ceramic Days in Österreich.



Die Ausstellung „Lebensräume"

In Staufen im Breisgau, weit im Südwesten und ein gutes Stück von ihrem münsterländischen Atelier entfernt, zeigt das STUDIO des Keramikmuseums seit dem 8. Mai vor allem Arbeiten aus den Serien Grascolors und Protected Places. Das Museum, getragen vom Badischen Landesmuseum und ehrenamtlich bespielt vom Förderkreis Keramikmuseum Staufen, richtet sein Studio-Programm konsequent auf zeitgenössische Keramik aus.

Die Ausstellung bündelt, was Wellmeiers Werk zusammenhält: die Beschäftigung mit der Komplexität und Fragilität von Ökosystemen. Bei Grascolors, so beschreibt es das Museum, spielt sie „auf die Farbnuancen getrockneter Gräser unter extremen Bedingungen an, die sie zuvor fotografisch dokumentiert hat". Und über ihre Arbeitsweise heißt es weiter, sie entwickle „mit Bedacht und Fingerspitzengefühl papierdünne Körper in Aufbautechnik" und suche in diesem Prozess der Formgebung „unserer ‚Zeit der großen Beschleunigung' und Entfremdung entgegen zu wirken". In dieser letzten Wendung liegt der eigentliche Kern ihrer Haltung. Die Langsamkeit ist bei Wellmeier kein Nebeneffekt der Technik, sondern ihr Gegenstand.

Eine zweite Werkgruppe, Protected Places, geht von Karten aus. Wellmeier nimmt die Umrisse von Naturschutzgebieten, die in der Landschaft selbst kaum als Ganzes erfahrbar sind, zu groß und zu wenig vom Umland unterschieden, und macht sie durch Verkleinerung sichtbar. Es ist, wie sie selbst sagt, „eine andere Art zu sehen".

Die Farben einer Wiese

Am Anfang einer Grascolors-Arbeit steht keine Form, sondern eine Beobachtung, festgehalten als Fotografie. Aus den dokumentierten Nuancen der trocknenden Gräser entwickelt Wellmeier eine Farbpalette, und zwar nicht als Glasur, die später auf das Gefäß käme, sondern als eingefärbte Porzellanmasse. Die Farbe steckt im Material selbst, durchgefärbt und nicht nur an der Oberfläche aufgetragen. Ihre eigenen Farbporzellanmassen hat sie sich während der Corona-Zeit erarbeitet; aus diesen Versuchen ist die Serie hervorgegangen.

Das Ergebnis sind Vasen und Tassen, deren Töne sich von gelbweiß über lachsfarben und grün bis ins Blaue ziehen, jedes Stück ein Unikat. Die Fragilität der Gräser, von der die Arbeit ausgeht, kehrt in der Machart wieder: in der Dünnwandigkeit des Porzellans und in den Spuren, die das Aufbauen von Hand hinterlässt.


Papierdünn, von Hand aufgebaut

Wellmeier arbeitet in freier Aufbautechnik, ohne Töpferscheibe und ohne Form. Das Porzellan wird Schicht um Schicht von Hand aufgebaut, eine Methode, die sie bereits im Studium begann und über Jahre verfeinert hat und die das extrem dünne, fast papierartige Ausarbeiten der Gefäße überhaupt erst erlaubt. Es ist eine wiederholende, konzentrierte Arbeit, die sich nicht beschleunigen lässt.

Was dabei sichtbar bleibt, verwischt sie nicht. Die Westfälischen Nachrichten haben es in einer Atelierreportage so beschrieben: „Die Hände sind ihr wichtigstes Werkzeug. Spuren davon bleiben nach der Fertigstellung erhalten und verleihen schlichten Gefäßen eine auffallende Lebendigkeit." Die Fingerabdrücke sind kein Makel, der weggeschliffen würde, sondern das Gegenteil, ein bewusst stehengelassenes Zeichen dafür, dass hier eine Hand gearbeitet hat. Das Zarte und Zerbrechliche, das ihre Porzellanarbeiten kennzeichnet, sei so gewollt, fasst die Künstlerin selbst zusammen.

Das Flüchtige dauerhaft machen

In einem vielteiligen Werk mit dem Titel „Wayside" hat Wellmeier die Logik ihrer Arbeit einmal in einem Satz beschrieben: „Die mit meinen Fingern geformten Porzellanplättchen bilden die Träger als Negativabformung von Blüten, gesammelt am Wegesrand, sodass dauerhafte Momentaufnahmen des Flüchtigen entstehen." Genau darum geht es auch bei Grascolors. Eine Farbpalette, die in der Natur nur Tage existiert, wird in einem Material festgehalten, das Jahrhunderte überdauert.

Darin steckt eine Aufmerksamkeit, die über das einzelne Gefäß hinausweist, ohne je belehrend zu werden. Wellmeier nennt es eine „beobachtende Position im Mikrokosmos", der sie umgibt. Sie schaut genau hin auf das, was vergeht, auf trocknende Gräser, auf die Umrisse geschützter Landschaften, und überführt es in eine Form, die bleibt. Dass ihre Tassen und Vasen dabei zugleich Gegenstände für den täglichen Gebrauch sind, gehört zu dieser Haltung dazu. Man kann aus ihnen trinken und hält dabei eine Wiese in der Hand, die es so längst nicht mehr gibt.

Arbeiten aus der Serie Grascolors sind im Sortiment von Hyner zu finden. Die Ausstellung „Lebensräume" im Keramikmuseum Staufen ist noch bis zum 28. Juni 2026 zu sehen, mittwochs bis samstags von 14 bis 17 Uhr und sonntags von 12 bis 17 Uhr.

Jana Hyner

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