Das edelste aller Materialien oder was Porzellan mit der Kaurischnecke zu schaffen hat
Kein keramisches Material ist so mit Mythen behaftet wie das Porzellan. Die Herstellung in Asien wurde über Jahrhunderte streng geheim gehalten und nicht ohne Grund spricht man von „weißem Gold“, schließlich wurden Gefäße aus Porzellan als so kostbar betrachtet und so hoch gehandelt, dass sie beinahe mit Gold aufzuwiegen waren. Soweit der Mythos, der sich bis heute hält und in der Produktionen traditioneller Porzellan-Manufakturen wie Meißen, Fürstenberg oder KPM seine Fortführung erfährt. Hier gilt es einen jahrhundertealten Ruf in die Gegenwart zu übertragen und damit auch für das Heute zu bewahren.
Doch was ist Porzellan eigentlich und wie wird es handwerklich verarbeitet?
Die Geschichte des Porzellans
So weiß wie Jade, so dünn wie Papier, so glänzend wie ein Spiegel, so klingend wie ein Klangstein, lautet ein Leitspruch, der traditionell Jingdezhen zugeschrieben wird, dem Zentrum der heutigen Porzellanproduktion in China. Der Name Porzellan geht auf das italienische Wort für die Kaurischnecke (Cypraeidae) zurück, auch Porzellanschnecke genannt: Ihre glänzende Schale stand Pate für die chinesische Ware, und schon bei Marco Polo im 13. Jahrhundert findet sich das Wort in diesem Sinn.
In China wurde das Porzellan von Anbeginn an als Weiterentwicklung des feinen Steinzeugs betrachtet und auf den Klang des Scherbens ebenso viel Wert gelegt wie auf seine Transparenz.
Entwickelt wurde das Porzellan in China, spätestens im 7. Jahrhundert, mit einem Material, dessen wichtigster Bestandteil dieses hochgebrannten, weißen, dünnen, glänzenden und klingenden Materials ein plastischer, weißbrennender Ton war. Benannt ist dieser Ton nach dem Hügel Gaoling bei Jingdezhen, wo er abgebaut wurde; der Ortsname ist im Wort Kaolin erhalten geblieben. Und da alles mit dem entsprechenden Material, dem Ton, zusammenhängt, war die Entdeckung von geeigneten Tonlagerstätten in Europa im 18. Jahrhundert der Durchbruch, der auch die westlichen Keramiker in die Lage versetzte, chinesische Waren nachzuahmen. Dabei unterscheidet sich der östliche und der westliche Herstellungsprozess, bedingt durch die unterschiedliche Zusammensetzung des Ausgangsmaterials. Die Kaoline sind im Westen weniger plastisch, was zur Folge hatte, dass hier beispielsweise das Gießen der Ware stärker entwickelt wurde. Eine gängige Praxis, die bis heute in den Manufakturen von Meißen oder Fürstenberg, gepflegt wird.
Erde, Gestein und ein Mineral
Porzellan wird aus einem Gemisch von Kaolin (Porzellanerde, Porzellanton), Feldspat bzw. Glimmergestein und Quarz hergestellt, das sich durch den keramischen Brand zu einem feinkeramischen Erzeugnis mit weißen, dichten, porenfreien, in dünnen Schichten transparenten Scherben, verwandelt. Es besitzt die edle Eigenschaft, dass Licht durch die keramische Oberfläche fällt. Diese Transluzenz verleiht dem Gefäß eine Zartheit und Leichtigkeit, die kein anderes keramisches Produkt besitzt. Porzellan ist also eine verglaste, weiße Ware mit einem durchscheinenden Scherben, etwas, das es von anderen keramischen Erzeugnissen grundlegend unterscheidet. Dadurch, dass es in der Regel bei 1300 Grad und höher gebrannt wird, verschmelzen Glasur und Scherben im selben Brand zu einem innigen Verbund, was dem Gefäß eine hohe Festigkeit verleiht. Dieses Porzellan wird als Hartporzellan bezeichnet, in Frankreich „pâte dure“. Daneben gibt es das Weichporzellan, das bei niedrigerer Temperatur gebrannt wird, und das Frittenporzellan, die französische „pâte tendre“, dem zum Erreichen der Transparenz ein hoher Anteil an glasartiger Fritte beigegeben wird; es enthält kein Kaolin und gilt deshalb streng genommen nicht als echtes Porzellan.
Dabei ist das herausragende Merkmal von Porzellan gegenüber anderen Keramik-Produkten nicht die hohe Brenntemperatur. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass der Feldspatanteil im Porzellan während des Brennvorganges schmilzt, aber beim Abkühlen aufgrund seiner Zähigkeit nicht wieder auskristallisiert. Diese Besonderheit führt besonders bei dünnen Wandstärken zu der beim Porzellan so geschätzten Lichtdurchlässigkeit (Transluzenz).
Die Schönheit hat viele Namen
Noch einmal zurück zu den unterschiedlichen Porzellanarten. Hart- und Weichporzellan unterscheiden sich durch ihre Zusammensetzung. Grundsätzlich variiert die Zusammensetzung bei der Herstellung von Porzellan nämlich und bestimmt damit die verschiedenen Porzellanarten, die je nach Region wie etwa Geschirrporzellan aus Bayern, Hartporzellan aus Meißen oder das Porzellan aus Ostasien ihre spezielle - streng vertrauliche - Zusammensetzung haben. Als weitere Faktoren beeinflussen die Höhe der Brenntemperatur und die Beimischungen von Volumenanteilen Kaolin, Feldspat, Quarz und anderen Beimischungen wie beispielsweise Knochenasche die Art des Porzellans.
Hartporzellan zum Beispiel entsteht durch hohe Brenntemperaturen und ist gegen Temperaturschwankungen weitestgehend unempfindlich. Es besteht als Richtwert aus 50 % Kaolin, 25 % Quarz und 25 % Feldspat; in Meißen liegt der Kaolinanteil sogar bei rund zwei Dritteln. Weichporzellan enthält weniger Kaolin, etwa 25 bis 40 %, und bedarf niedrigerer Brenntemperaturen; das Berliner Seger-Porzellan etwa besteht aus 25 % Kaolin, 45 % Quarz und 30 % Feldspat. Durch Änderung der Einzelanteile oder weitere Beimischungen kann man die Eigenschaften des Porzellans stark variieren. Aber damit nicht genug. Fine Bone China etwa bezeichnet kein Porzellan aus China, sondern wurde in England entwickelt und zeichnet sich durch die Zugabe von Knochenasche aus, mindestens 30 %, klassisch etwa die Hälfte der Masse; entwickelt hat es Josiah Spode Ende des 18. Jahrhunderts. Daher auch der Name Knochenporzellan bzw. Feines Knochenporzellan. Diese Zugabe verleiht dieser Porzellanart eine besonders hohe Transluzenz, einen strahlenden Glanz und eine hohe Festigkeit.
Gegossenes Porzellan
Bei der Herstellung von Porzellan sind im Produktionsprozess mehrere Schritte erforderlich, die jeweils durch einen Brand unterbrochen werden. In der Regel sind das mindestens zwei Brände.
Doch zunächst wird der Rohling hergestellt. Die nach einem bestimmten Mischungsverhältnis vorbereitete Porzellanmasse wird je nachdem, ob in Drehautomaten Teller oder im Gießverfahren Grünkörper beispielsweise Kannen, Dosen, Figuren hergestellt werden sollen, kompakt und schmiegsam oder flüssig als Schlicker verarbeitet.
Bei der Verarbeitung der flüssigen Masse wird diese in Formen gegossen, die die Außenform des Werkstückes bestimmen, aber keinen Kern haben – sie sind hohl. Dieses Verfahren wird Schlickerguss genannt. Die Formen bestehen aus Gips, der die Eigenschaft hat, Wasser einziehen zu können. Damit wird der eingefüllten Porzellanmasse im Randbereich das Wasser entzogen und die festen Bestandteile der Masse lagern sich an den Formwänden ab. Je länger die Masse in der Form verbleibt, umso dicker wird die verbleibende Randschicht. Ist die vorgesehene Dicke erreicht, wird die restliche flüssige Masse aus der Form ausgegossen. Nach gewisser Ruhezeit kann dann die Form geöffnet und die Teile zur endgültigen Trocknung herausgenommen werden.
Zwei Vasen von Carolin Wachter aus französischem Hartporzellan von Hand frei auf der Töpferscheibe gedreht.
Die Außenseite wird zwei Mal von Hand geschliffen, was den Stücken ihre samtige Haptik verleiht.
Frei gedrehtes Porzellan von Carolin Wachter
Da Porzellan erst durch seine Feinheit seine völlige Zartheit und Transluzenz entfaltet, drehen nur sehr erfahrene Keramiker Porzellan frei auf der Töpferscheibe. Ein dünner Scherben lässt sich im Porzellan-Guss problemlos erreichen, ihn mit der Hand herzustellen, erfordert hingegen höchstes Können und Perfektion. Carolin Wachter dreht ihre Porzellan-Gefäße ausschließlich frei. Ihre Keramiken zeugen von absolutem Können beim Drehen und der handwerklichen Beherrschung des Materials, nur wenigen Keramikern gelingt es, so delikate Stücke mit der Hand in Porzellan zu produzieren.
Einzelne Gefäße von Carolin Wachter werden im Holzofen gebrannt. Auf diese Weise entstehen Einzelstücke, deren Oberfläche, Farbigkeit und Verformung rein durch das Feuer des Brandes erzeugt werden und die nicht reproduzierbar sind.
Die Fertigstellung im Brand
Doch zurück zur Herstellung des Porzellans, nämlich zum Brand. Denn nachdem der Rohling geformt ist, erfolgt der Schrühbrand, auch als Glüh- oder Biskuitbrand bezeichnet, bei 900 °C bis 1000 °C. Der Scherben, der dabei entsteht, ist noch porös und relativ empfindlich. Die Porosität nach dem ersten Brand sorgt dafür, dass sich die dann folgende Glasur gut mit dem Stück verbinden kann. Nach dem Glasieren erfolgt der Glattbrand oder Hochbrand, bei Hartporzellan in der Industrie bei etwa 1350 °C bis 1460 °C, bei dem die Glasur schmilzt und den Scherben mit einer dekorativen und schützenden Außenhaut überzieht. Dieser letzte Brand lässt das Gefäß verglasen, es wird dicht, hart und endlich transluzent! Dabei schwindet es noch einmal deutlich: Insgesamt ist ein Stück nach dem Brand um 12 bis 16 Prozent kleiner als der Rohling.
Jana Hyner